4. Mai 2020 | von Yanick Ammann

Luca Guadagnino — Call Me by Your Name (2017)

Call Me By Your Name

Ein nord­ita­lie­ni­scher Land­sitz in den 1980er Jah­ren: Hier ver­bringt der sieb­zehn­jäh­ri­ge Elio Perl­man ge­mein­sam mit sei­nen El­tern den Som­mer. Der Va­ter, ein Pro­fes­sor der Ar­chäo­lo­gie, forscht vor Ort über an­ti­ke Skulp­tu­ren, die Mut­ter ist Über­set­ze­rin. Das in­ni­ge Ver­hält­nis des Prot­ago­nis­ten zu sei­nen El­tern ist ge­prägt von Für­sor­ge und Of­fen­heit. Elio wächst mehr­spra­chig auf und ist glei­cher­mas­sen in­tel­li­gent wie ta­len­tiert. Sei­ne Zeit ver­bringt er mit dem Tran­skri­bie­ren von Mu­sik, Bü­cher­le­sen und Kla­vier­spie­len. In den trau­ten Fa­mi­li­en­kreis tritt der 24-jäh­ri­ge Oli­ver, der als For­schungs­as­sis­tent des Va­ters wäh­rend der Som­mer­mo­na­te bei den Perl­mans zu Gast ist. Mit sei­ner un­be­küm­mer­ten und selbst­be­wuss­ten Art weckt Oli­ver Eli­os In­ter­es­se, selbst wenn der sich zu­nächst di­stan­ziert gibt. Auf ge­mein­sa­men Aus­flü­gen mit dem Fahr­rad kom­men sich die bei­den erst zö­ger­lich, dann im­mer ve­he­men­ter nä­her.

Re­gis­seur Luca Gua­da­gni­no nimmt sich in der Fol­ge viel Zeit, um die Ge­schich­te von den zu­rück­hal­ten­den An­nä­he­rungs­ver­su­chen hin zur Lie­bes­be­zie­hung zu er­zäh­len. Im Fo­kus steht Eli­os Ge­fühls­la­ge, die sich zwi­schen Un­si­cher­heit und Neu­gier, Lan­ge­wei­le und Er­regt­heit ent­fal­tet. So fol­gen wir dem Ju­gend­li­chen, wie er sich durch sei­ne Be­zie­hung zu Oli­ver in ers­ter Li­nie selbst ken­nen­lernt. Das Dreh­buch von Call Me by Your Name, das von Ja­mes Ivory nach dem gleich­na­mi­gen Ro­man von An­dré Aci­man für die Lein­wand ad­ap­tiert wor­den ist, schlägt da­bei sanf­te Töne an. Zwar wird im Ita­li­en der 1980er Jah­re noch hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand über Ho­mo­se­xua­li­tät ge­spro­chen, doch in der som­mer­li­chen Idyl­le rund um das An­we­sen der Perl­mans kön­nen sich Elio und Oli­ver trei­ben las­sen. Dies geht ein­her mit ei­ner ge­wal­ti­gen Sinn­lich­keit, die von Ka­me­ra­mann Sayombhu Mukdee­prom vir­tu­os ein­ge­fan­gen wird. Die Ka­me­ra ver­steht es da­bei, lan­ge ge­nug an den Fi­gu­ren dran­zu­blei­ben, um die In­ten­si­tät ih­rer Be­zie­hung in Bil­dern zu fas­sen, und gleich­zei­tig im rich­ti­gen Mo­ment weg zu schwen­ken, um ih­nen In­ti­mi­tät zu ge­wäh­ren.

Die Au­then­ti­zi­tät der Film­be­zie­hung ist gröss­ten­teils auf die Leis­tung der bei­den Haupt­dar­stel­ler zu­rück­zu­füh­ren. Ar­mie Ham­mer als Oli­ver und be­son­ders Ti­mo­thée Cha­la­met als Elio spie­len die Fa­cet­ten des Ver­liebt­seins von der Eu­pho­rie bis hin zum kör­per­li­chen Schmerz mit be­mer­kens­wer­ter Hin­ga­be. Letzt­lich geht es in der Be­zie­hung ih­rer bei­den Fi­gu­ren dar­um, gänz­lich im An­de­ren auf­zu­ge­hen, ganz der An­de­re zu wer­den. Der Film­ti­tel deu­tet es be­reits an: Nenn mich bei dei­nem Na­men. Nicht etwa, um sich im Ge­gen­über zu ver­lie­ren, son­dern im Ge­gen­teil, um sich selbst zu ent­de­cken, sich selbst sein zu kön­nen.